Litauen begrüßt die dunkle Jahreszeit mit Feuern

Allerheiligen ©Go-Vilnius Gabriel Khiterer

Während in Deutschland das Erntedankfest die Ernte würdigt, hat Litauen sein eigenes, bis heute lebendiges herbstliches Pendant. In Vilnius und in der nahe gelegenen alten Hauptstadt Kernavė leiten Feuer, traditionelle Lieder und baltische Folklore einen Herbstkalender ein, der in Vėlinės mit seinen kerzenerleuchteten Friedhöfen seinen Höhepunkt findet.

Europas letztes Land, das 1387 offiziell das Christentum annahm, begeht den Übergang der Jahreszeit von Licht zu Dunkelheit noch immer mit Feuerritualen, alten Liedern und Erntebräuchen, die dem Erntedankfest ähneln. Vilnius und die nahe gelegene alte Hauptstadt Kernavė laden im September und November zu besonderen Feierlichkeiten ein.

In diesem Jahr fällt die astronomische Herbst-Tagundnachtgleiche auf den frühen Morgen des 23. September, gefeiert wird bereits am Abend des 22. September – mit Traditionen, die in der vorchristlichen Vergangenheit Litauens wurzeln.

Die Herbst-Tagundnachtgleiche fällt zudem in eine alte baltische Erntezeit, in der die Gemeinschaften das Ende der Feldarbeit mit Festmählern, Opfergaben und Dankesritualen an die Götter begingen. Heute werden diese heidnischen Traditionen durch Feuer, Musik und Rituale neu interpretiert.

„Die heutige Feier greift auf Rituale zurück, die in Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts beschrieben werden. Damals markierten die Menschen den Beginn und das Ende der Erntearbeit mit Gebeten und Dankesopfern an die alten Götter“, sagt Audronė Daraškevičienė, Museumspädagogin am Litauischen Nationalmuseum.

„Es war die Zeit, in der die Ernte eingebracht wurde, man sich in der Dorfgemeinschaft versammelte und Bier braute, aber auch die Zeit, in der man von den Feldern in die Häuser zurückkehrte, von der lebhaften Sommerzeit in eine ruhigere, nach innen gekehrter Phase. Die heutigen Feiern zur Tagundnachtgleiche führen diese Verbindung zur Natur und zum Wechsel der Jahreszeiten fort und lassen uns den Übergang in die dunkle Hälfte des Jahres bewusst vorbereiten“, erläutert Daraškevičienė.

Für die Balten markierte die Herbst-Tagundnachtgleiche zugleich den Beginn der Zeit der Toten und die Vorbereitung auf Vėlinės (Allerseelen), ein Fest zum Gedenken an die Ahnen. Es war und ist bis heute eine Zeit, in der sowohl für die Ernte gedankt wird als auch den Ahnen, von denen man glaubt, dass sie beim Wachsen geholfen haben; beides verstanden als Gabe der Erde.

„Wenn die Tage kürzer werden und das Licht der Dunkelheit weicht, verändert sich mit der Jahreszeit auch der Rhythmus des Alltags. Die Tagundnachtgleiche ist ein Moment, um innezuhalten und diesen Wandel anzuerkennen, statt die Jahreszeiten einfach an uns vorüberziehen zu lassen. Sie ermöglicht es uns, diesen Übergang gemeinsam zu erleben und zu Beginn der dunklen Jahreszeit Wärme und Kraft zu finden“, sagt Elena Mikniūtė, Kommunikationskoordinatorin am Zentrum für ethnische Kultur Vilnius.

Zu den ungewöhnlicheren Traditionen rund um die Herbst-Tagundnachtgleiche gehört das Anfertigen und Verbrennen großer Skulpturen aus Stroh oder Schilf. Gefertigt aus Naturmaterialien der Umgebung, werden sie entzündet, als symbolischer Abschied von der hellen Hälfte des Jahres und als Willkommensgruß an die dunkle Jahreszeit. Zu den weiteren saisonalen Bräuchen zählen Gestecke und Figuren aus Äpfeln, Nüssen, Kürbissen und Getreide, während die Ernte mit Speisen wie Apfelkäse, frischem Brot und Kuchen gefeiert wird.

Summer Equinox in Vilnius ©Greta Vaisetaite
Summer Equinox in Vilnius ©Greta Vaisėtaitė

Rund um die litauische Hauptstadt finden mehrere jährliche Veranstaltungen statt, in diesem Jahr unter anderem:

Herbst-Tagundnachtgleiche und Fest der baltischen Einheit (19. September)

Die zum UNESCO-Welterbe zählende archäologische Stätte Kernavė, rund 35 km von Vilnius entfernt, richtet zwischen ihren fünf Burgbergen und im Pajauta-Tal ein Fest zur Herbst-Tagundnachtgleiche und zur baltischen Einheit aus. Bei Einbruch der Dunkelheit findet der Abend seinen Höhepunkt in Feuern, die auf den Burgbergen entzündet werden, begleitet von Folklore, traditionellen Ritualen, nächtlichen Tänzen und traditionellen Gesängen, den sogenannten sutartinės – Litauens alten mehrstimmigen Gesängen, die von der UNESCO anerkannt sind.

Feuerruf der baltischen Einheit (22. September)

Am Abend vor der Tagundnachtgleiche, am 22. September, erstreckt sich die Tradition über die gesamte baltische Region. Zwischen 20 und 21 Uhr werden im Rahmen des Feuerrufs der baltischen Einheit in Litauen und Lettland Feuer auf Burgbergen, heiligen Hügeln und an weiteren Orten der baltischen Geschichte entzündet. Die gleichzeitig lodernden Flammen stehen sinnbildlich für die Einheit von Gemeinschaften, die räumlich getrennt, durch ein gemeinsames baltisches Erbe aber verbunden sind. In diesem Jahr erinnert die Veranstaltung zugleich an den 790. Jahrestag der Schlacht von Schaulen („Sonnenschlacht“), einer mittelalterlichen Schlacht des Jahres 1236 zwischen dem Schwertbrüderorden und den heidnischen Truppen der Schamaiten und Semgaller, in der die baltischen Heiden ihre Gegner rasch besiegten.

Fest zur Herbst-Tagundnachtgleiche in Vilnius (22. September)

In Vilnius selbst wird die Tagundnachtgleiche am 22. September auf dem Stalas-Hügel mit DURYS (deutsch: Türen) begangen, einer zeitgenössischen Interpretation des Jahreszeitenwechsels. Bei der Veranstaltung des Zentrums für ethnische Kultur Vilnius schließen beleuchtete Skulpturen, Feuer, Tanz, Kerzenmuster und Performance symbolisch die Tür zur hellen Jahreszeit und heißen die kühleren, dunkleren Monate willkommen.

Vėlinės (1. November)

Später im Herbst setzen sich Litauens jahreszeitliche Traditionen mit Vėlinės fort, das am 1. November begangen wird: Die Menschen gedenken ihrer Verstorbenen, besuchen die Friedhöfe und entzünden Kerzen auf den Gräbern. Bei Einbruch der Dunkelheit erleuchten Tausende Kerzen die Friedhöfe in Vilnius und in ganz Litauen und schaffen eine stille, eindrucksvolle Atmosphäre, die zu den markantesten Herbstbildern des Landes geworden ist.