48 Stunden in Vilnius

Kaffeehauskultur, Konzeptstores, Kuriositäten und lokale Küche: Vilnius hat noch mehr zu bieten als seine prächtige barocke Altstadt. Diese – übrigens die größte nördlich der Alpen – hat der Hauptstadt Litauens zwar den Beinamen „Rom des Baltikums“ eingebracht; das Lebensgefühl dort ist jedoch alles andere als antiquiert. Die Universitätsstadt vibriert vor Leben. Die Gassen sind malerisch verwinkelt, die Atmosphäre inspirierend und international, die Wege kurz. Lonely Planet wählte die Hauptstadt 2018 auf Platz 8 der besten Destinationen Europas – höchste Zeit also, Vilnius auf einem Städtetrip in den Herbstferien oder dem Resturlaub zu erkunden. Innerhalb von 48 Stunden lassen sich bereits einige Highlights entdecken.

Vilnius Catheadral Bell-Tower ©M.Jankauskas Lithuanian State Deartment of Tourism
Tag I

Einen ersten Überblick verschafft man sich auf der Aussichtsplattform im Glockenturm der Johanniskirche: Das Panorama der Altstadt entfaltet sich, sobald man den Aufstieg auf den höchsten Turm der Altstadt mit seinen 193 Holzstufen geschafft hat. Von hier aus sind die alten und neuen Wahrzeichen der Stadt zu sehen: die Burg des Großfürsten Gediminas vom Anfang des 14. Jahrhunderts und das neue MO Museum, das vom Stararchitekten Daniel Libeskind entworfen wurde und als neues architektonisches Wahrzeichen das Stadtbild bereichert. Vom Turm aus erstreckt sich der Blick bis über das Künstlerviertel Užupis mit seiner gleichnamigen Spaß-Republik jenseits des Flusses Vilna.

Nur wenige Straßen weiter gibt es für alle Besucher des Kathedralenplatzes Glück to go: Zwischen Turm und Hauptgebäude der Kathedrale St. Stanislaus ist ein quadratischer Pflasterstein mit der Aufschrift „Stebukulas“ (deutsch: „Wunder“) in den Boden eingelassen. Er markiert den Ausgangspunkt der riesigen Menschenkette zwischen Vilnius über Riga nach Tallinn, mit der knapp zwei Millionen Litauer, Letten und Esten am 23. August 1989 Hand in Hand für die Unabhängigkeit ihrer Staaten von Russland demonstrierten – etwas, was ihnen heute wie ein Wunder erscheint. Die moderne Gebrauchsanweisung für das Instant-Glück ist einfach: Man stellt sich auf den Wunderstein, denkt an seinen Wunsch und dreht sich dabei einmal im Kreis. Dieser Brauch erinnert mit einem Augenzwinkern an die Zeit, als die Litauer noch Heiden waren: Wo heute die Kathedrale steht, war einst eine Kultstätte für den baltischen Donnergott Perkūnas, den „Obergott“. Die Litauer haben sich als letztes christianisiertes Volk in Europa viele heidnische Traditonen in ihrem Alltag bewahrt, und so lässt sich die Wunschplatte außerhalb der Kirche auch als alternative „Standleitung nach oben“ deuten.

Eine Kaffeepause gehört in Vilnius dazu – an ihrer ursprünglichen Kaffeehauskultur hält die Stadt fest; Filialen amerikanischer Kaffee-Ketten sucht man hier vergebens. Stattdessen findet man an jeder Ecke entzückende Cafés und individuell gestaltete Coffeeshops mit ungewöhnlichen Konzepten wie das Mint Vinetu. Das Zuhause des grünen Indianers ist eine witzige Mischung aus Café, Buch-Antiquariat, Einrichtungsboutique, Konzertlocation und Coworking-Space.

An der Literatu Gatve, (deutsch: Literatenstraße) bietet das neue MO Museum litauischer Kunst seit den 1960er-Jahren ein neues Zuhause. Star-Architekt Daniel Libeskind entwarf damit zugleich ein neues architektonisches Wahrzeichen. Er konzipierte den Bau, der am 18. Oktober 2018 eröffnet wird, als lebendigen öffentlichen Raum, in dem sich Einheimische und Gäste begegnen.

Wenig Zeit fürs Museum? Schon der Weg dorthin, entlang der Literatur Gatve, ist durchaus fotogen: Unter dem Namen „Literatu Street Wall“ hat die Kuratorin des MO, Kuratorin Eglė Vertelkaitė, mit mehr als 100 Künstlern eine Wand in der Altstadt bestückt. Auf 200 Fliesen und Gedenktafeln bieten sie einen Überblick über die Geschichte der litauischen Literatur – Litauer lieben Kunst für alle im öffentlichen Raum. Wer nicht ins Museum will, für den lohnt sich eine Stippvisite auf der Dachterrasse, die für jeden kostenlos zugänglich ist. Man trifft dort oben Einheimische und kann gemeinsam den tollen Blick über die Altstadt genießen.

Zum Mittagessen geht es zum Markt Halės Turgus, einen der ältesten Märkte in Vilnius. Das 1906 erbaute Jugendstilbauwerk ist nicht nur ein Augenschmaus: Hier probieren sich Reisende und Einheimische von Stand zu Stand durch das Beste, was Litauen kulinarisch zu bieten hat. In ursprünglicher Qualität bieten Händler dort frisches oder geräuchertes Fleisch und Fisch, Käse, Honig, Bio-Obst und -Gemüse sowie handwerklich hergestellte Produkte wie die litauische Variante des Baumkuchens an, Sakotis (deutsch: Zweigkuchen). Besucher merken schnell, dass die Litauer Regionales bevorzugen, das den Jahreszeiten folgt. Außerdem lieben sie Bagels, egal ob herzhaft oder süß belegt. Eine der besten Adressen: Die Beigelistai in der Hales Markthalle.

Gut gestärkt, geht es über den Fluss ins Künstlerviertel Užupis (sprich Uhschuppis mit weichem „sch“), eine Spaßrepublik mit eigener Verwaltung, Hymne und Verfassung, die in Artikel 16 das Recht auf Glück festschreibt. Einreisen kann hier jeder – im Café Uzupio Kavine, das als Parlamentsgebäude dient, gibt es sogar einen Stempel in den Reisepass. Das Café fungiert auch als Tor zu Užupis: Man erreicht es von Vilnius aus über eine Brücke. In Užupis trifft sich die Kreativszene, die das Viertel mit zahlreichen Galerien, Restaurants und Boutiquen belebt. Der Užupis Art Incubator, in den späten 1990ern von Kunststudenten ins Leben gerufen, hat sich mittlerweile als Brutstätte schöpferischer Ideen und Forum für Kreative einen Namen gemacht.

Wenn man schon einmal in Litauen ist, muss man das tun, was Litauer gern mal zwischendurch machen, um den Kopf auszulüften: schaukeln! Von der Brücke über die Vilnia, über die man Užupis erreicht, hängt die „Schicksalsschaukel“ hinab, auf der man ein paar Schwünge tun sollte – direkt über dem Wasser. Schaukeln kann man generell überall in Vilnius, und zwar nicht nur auf Spielplätzen, sondern auch in Parks, unter Bäumen oder eben unter Brücken. Dafür sorgen die Mitglieder der Anonymen Schaukel-Stiftung.

Eine gute Adresse für typisch litauisches Fine Dining am Abend ist das Sweet Root, das ebenfalls in Užupis liegt und traditionelle Küche zeitgemäß interpretiert. Das Menü wechselt häufig, denn Obst und Gemüse stammen aus dem eigenen Garten. Fleisch und Milchprodukte kommen von handverlesenen Lieferanten aus den verschiedenen Regionen des Landes. Das Auge isst mit. Bei der Gestaltung des Menüs macht der Enfallsreichtum der Macher jedoch nicht halt: Mit „Proud of Lithuania“ haben sie eine Rezeptsammlung im Stil eines Märchenbuches herausgebracht –  zauberhaft!

Wer noch fit ist, geht zum Feiern in die Paronas Travel Bar und tanzt mit den Einwohnern ab. Die Location direkt am Bahnhof bewegt sich irgendwo zwischen Club, Bar, Kleinkunsthaus und Loft. Mit seinem großzügigen Außenbereich ist das Paronas außerdem eine super Anlaufstelle für laue Abende in Gesellschaft der gastfreundlichen Einheimischen.

Vilnius Old Town ©www.vilnius-tourism.lt
Tag II

Zur goldenen Morgenstunde ist eine Fahrt mit dem Heißluftballon besonders schön. Keine andere Hauptstadt der Welt lässt sich direkt aus dem Zentrum heraus und mit diesem außergewöhnlichen Vehikel von oben entdecken. Saison ist von April bis Oktober, bei gutem Wetter steigen die Ballons auch im Winter auf. Alternativ kann man den Tag auch mit einer Heißluftballonfahrt beschließen – in Vilnius hängt es stark vom Wetter ab, ob man am frühen Morgen oder Spätnachmittag aufsteigen kann. Da die Litauer das gern und häufig machen, gibt es entsprechend viele Anbieter. Einen kulinarischen Höhenflug bietet das Amberton Air Restaurant, das einzige fliegende Restaurant des Baltikums – spektakulär!

Noch haben die großen Bekleidungsketten Litauen nicht erobert – man setzt immer noch auf eigenen Ideenreichtum. Shopping macht besonderen Spaß bei Locals.LT. Dahinter verbirgt sich ein Concept Store lokaler Designer von zeitgemäßer Bekleidung, Taschen und Papeterie. Selbst die junge Generation ist stolz auf Traditionen und lässt diese weiterleben – keineswegs nostalgisch, sondern mit Blick nach vorn und einem Augenzwinkern. Vor diesem Hintergrund verwenden auch junge Designer gern traditionelle Werkstoffe wie Wolle, Leinen, Filz, Holz und Bernstein für zeitgemäße, stylische Kreationen. Mit etwas Glück trifft man den einen oder anderen Designer an.

Einen Besuch wert ist eine Boutique, die Bettwäsche, Bade- und Handtücher, Küchentextilien, Tischwäsche und Kleidung verkauft – alles aus Leinen, einem traditionellen Rohstoff, den die Designer hier für zeitgemäße Entwürfe verwenden. Linen Tales gibt es bereits zwei Mal in Vilnius, und auch online kann man die Designstücke erwerben. Wem manches Stück nach dem Dinner im Sweet Root bekannt vorkommt: Alle tragen dort die Kleidungsstücke des litauischen Familienunternehmens – die Entwürfe passen zum Clean Chic des Hauses.

Eine Stärkung zwischendurch auf litauische Art: Auf den Käse Dziugas, der in der Konsistenz dem italienischen Parmesan sehr ähnelt, ist man sehr stolz. Besonders lecker schmeckt er in heiße Schokolade getunkt oder zum Kaffee. Er wird in Käseboutiquen angeboten, einem gastronomischen Phänomen in Vilnius: Die Läden sind eine Mischung aus Café und Pâtisserie, das Ambiente ein eklektischer Stilmix, der zwischen neobarocker Opulenz und coolem Industriedesign changiert.

Bevor es wieder nach Hause geht, noch einen Kaffee zum Abschluss? Bei der Entscheidung unter all den vielen Cafés in der Innenstadt hilft The Good Coffee Map von Vilnius. Da Vilnius mit mehr als 17.200 Hotspots fast flächendeckend über kostenfreies W-LAN verfügt, kann man hier überall entweder genussvoll arbeiten oder ebenso genussvoll Selfies für die Daheimgebliebenen posten.

Wer noch etwas mehr Zeit hat: weitere Empfehlungen

Ertlio Namas, Fine-Dining-Restaurant mit historischer litauischer Küche und Erlebniswert – Geschichte auf der Zunge.

Tie Kepejai – liebevoll gestaltete Kuchen und Torten.

– Die Alaus Bibliotheka oder Beer library ist eine gemütliche Bar mit 220 bis 250 verschiedenen Bieren. Die Bartender haben ein unglaubliches Wissen über das, was sie servieren. Gäste können auf einer Bibliothekskarte alle Biere vermerken, die Sie „gelesen“ bzw. gekostet haben.

EMKO, Designstudio mit zeitgenössischen Möbeln und Wohnaccesoires.

etc etc: Das Designstudio ist mit dem Red Dot Award ausgezeichnet worden.

Es empfiehlt sich vor und während eines Besuches, einen Blick in den Eventkalender von Vilnius zu werfen –  in Litauen feiert man gut, gern und vor allem: viel! http://www.vilnius-events.lt/en/