„Meine Stille Nacht“ – Ein modernes Musical, was zum Nachdenken anregt

Meine-Stille-Nacht Dominik Hees, Pavel Fieber, Milica Jovanović und Ensemble ©Anna-Maria Löffelberger

Das ganze Jahr feiert Österreich schon zusammen mit der ganzen Welt den 200. Geburtstag des beliebtesten und am meisten gesungenen Weihnachtsliedes weltweit „Stille Nacht“. Der Tag der Uraufführung am Heiligabend vor 200 Jahren naht und die Premiere des Musicals „Meine Stille Nacht“ bildete mit Sicherheit einen der letzten Höhepunkte des Jubiläumsjahres.

Steht das Lied doch schon immer dafür, dass Grenzen und Krisen überwunden werden können und gerade dieses Lied Trost spendet. So möchte auch gerade dieses Musical inhaltlich nicht die Entstehungsgeschichte des Liedes vermitteln, sondern die Friedensbotschaft des Liedes in die moderne Zeit mit ihren gesellschaftlichen, sozialen und politischen Krisen transportieren und verbreiten.

Nicht Joseph Mohr oder Franz Xaver Gruber kommen in dem Stück vor, aber es werden einige ihrer Lebensthemen aufgegriffen. So wie etwa Joseph Mohr als ledig geborenes Kind von der Gesellschaft diskriminiert wurde, geht es heute vielen Flüchtlingen, Obdachlosen, Transsexuellen und Andersdenkenden. So wie man sich vor 200 Jahren nach den Napoleonischen Kriegen nach Frieden sehnte, sehnt man sich noch heute nach Brüderlichkeit, Gemeinschaft und Verbundenheit. Vieles hat sich getan, vieles ist heute noch so aktuell wie damals.

Meine-Stille-Nacht Elisa-Afie Agbaglah, Savio-David Byrczak, Ivan Vlatković, Julius von Maldeghem, Melanie Maderegger und Leonhard Radauer ©Anna-Maria Löffelberger

Aufgegriffen werden auch so Fragen wie: Was ist Glück? Wie finden wir es? Lohnen sich Träume? Wie finde ich meinen Stern? Und darf man seine Talente vergeuden?

Das Musical sollte keine typisch österreichische Geschichte erzählen, sondern eine universell gültige. Das ist dem Team rund um den oscarnominierten Filmkomponisten John Debney sicherlich gelungen.

Entstanden ist ein Stück mit einem kritischen Blick von außen auf ein Land voll faszinierender Geschichte und Schönheit, aber auch verkrusteter Traditionen, die manchem Fortschritt kritisch gegenüberstehen. Es soll aufgezeigt werden, wie wichtig es ist, offen für Neues zu bleiben und an Visionen zu glauben.“

Während das Stück in Amerika beginnt, wird im Laufe der Handlung zwischen Amerika und Salzburg gewechselt. Der Amerikaner Justin sehnt sich nach seiner Jugendliebe Elisabeth, die er als Teenager dank eines Schüleraustausches kennenlernte und die ihm zum Abschied eine Spieluhr mit dem Lied „Stille Nacht“ schenkte, einer der wenigen direkten Bezüge zu dem Lied. Er verlässt seine Familie inmitten der hektischen amerikanischen Vorweihnachtszeit und fliegt nach Salzburg um Elisabeth zu suchen, die mittlerweile für das Salzburger „Young Christmas Festival” zuständig ist, und diese traditionelle Veranstaltung modernisieren möchte, gegen den Widerstand der sogenannten „Salzburger Gesellschaft“ und ihrer Mutter. Diese will Elisabeth auch noch mit Konzertmanager Hans Brunner verheiraten, in Augen der Mutter eine „gute Partie“. Doch ist dieser ein Chauvinist und Macho, der nur seine Interessen vertritt, eben ein Bösewicht.

Felsenreitschule ©Salzburger Festspiele - Andreas Kolarik
Felsenreitschule ©Salzburger Festspiele – Andreas Kolarik

Diese Pläne durchkreuzt das Auftreten von Justin, der die Visionen und Wünsche von Elisabeth teilt und mit ihr gemeinsam umsetzen möchte. Doch die Musiker und Chormitglieder der feinen Gesellschaft aus Salzburg wollen nicht mitmachen und kündigen die Zusammenarbeit.

Daraufhin suchen die Beiden neue Musiker und stellen ein Band Projekt gemeinsam mit sechs Kindern auf die Beine, die alle Außenseiter der feinen Salzburger Gesellschaft sind, diese aber am Ende im Sturm erobern. Sie alle bilden aktuelle, politische und gesellschaftliche Probleme ab, manchmal schon ein wenig übertrieben.

Die Geschwister Mira und Amal die Bettelproblematik, der Schlagzeuger Dom steht stellvertretend für die Flüchtlinge und der junge Ausreißer Sam zeigt, dass man mit dem entsprechend schlechten Elternhaus und Vita auch als Staatsbürger im eigenen Land unerwünscht sein kann. Die Salzburger kommen erst einmal bei all dem nicht so gut weg. Wird Ihnen doch unterstellt, dass sie nicht über den Tellerrand schauen, Fortschritt verschmähen und am liebsten unter sich bleiben. Oft auch garniert mit Sprüchen einer bestimmten politischen Partei Österreichs.

Stille-Nacht Kapelle Oberndorf

Doch am Ende siegt die Toleranz und Fortschrittlichkeit und das Bild der heutigen Salzburger wurde korrigiert. Und so endet alles, wie sollte es auch anders sein, in vollster Harmonie und zum Schluss wird dann das Lied gesungen, was dem Musical den Namen gegeben hat, „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Standing Ovations waren die Folge. Das internationale Publikum und auch die Salzburger waren bei der Premiere dieses wirklich mit weit über 100 Mitwirkenden aufwendig inszenierten zu Recht begeistert.

Manchmal war die Handlung etwas typisch amerikanisch überzogen und vielleicht auch schon ein wenig Zuviel der sozial-kritischen Problem, als wenn doch einfach alles mitansprechen wollte. Aber das sind nur kleine kritische Anmerkungen. Denn zu Recht war das Publikum und auch ich begeistert von dem Musical, seiner Story und der Umsetzung, musikalisch und textlich. Die Schauspieler, wie auch das Orchester und vor allen Dingen auch die vielen Kinder haben eine grandiose Leistung abgeliefert. Schade nur, dass es als modernes Weihnachtsmärchen konzipiert wurde und damit nur um die Weihnachtszeit aufgeführt werden kann. Taucht „Stille Nacht” doch selbst bis auf kleine Anspielungen erst zum Schluss auf, so frage ich mich, ob man nicht vielleicht besser einen anderen Titel gewählt hätte, denn dann würde das Musical sicherlich das ganze Jahr über erfolgreich gespielt werden können.

Wohnstube von Franz-Xaver Gruber in Arnsdorf

Denn wenn auch die Felsenbühne mit ihrem einmaligen Ambiente über 2100 Plätze hat, dürfte es schwer sein, noch einen der wenigen verfügbaren Plätze in den verbleibenden Vorstellungen dieses Jahr zu bekommen.

Und dabei ließe sich ein Besuch auch ideal kombinieren mit einem Besuch der romantischen Weihnachtmärkte Salzburgs und der „Stille Nacht“-Orten in der direkten Salzburger Umgebung. Denn sollte man schon in Salzburg sein, bietet sich ein Besuch der Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf, wo Mohr das Lied verfasste und es zum ersten Mal erklang, ebenfalls an, wie auch das alte Schulhaus in Arnsdorf, wo Gruber es komponierte und als Lehrer, Organist und Mesner lebte. Noch heute wird in diesem ältesten Schulhaus Österreichs unterrichtet. Überhaupt gibt es in und rund um Salzburg so viel Interessantes zu sehen und zu besuchen, dass es sich immer lohnt, Salzburg zu besuchen. Und auch außerhalb der Weihnachtszeit haben die vielen Orte, die an das Lied „Stille Nacht“ erinnern, ihren eigenen Zauber.

Mehr zum Musical und zu Aufführungsterminen hier unter www.salzburger-landestheater.at/de/produktionen/meine-stille-nacht.html und hier……