Interview mit Marc Elsberg zu Gier – Wie weit würdest du gehen?

Worum geht es in GIER?

In Gier geht es um zentrale Themen unserer Zeit: wachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit, eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft in allen Bereichen und daraus erwachsende Konflikte, kurzfristiges Denken, das alle diese Konflikte noch verstärkt. Im Wesentlichen darf ich den wissenschaftlichen Beweis dafür präsentieren, dass bestimmte Formen der Kooperation dem herrschenden Paradigma von Wettbewerb und Konkurrenz überlegen sind. Das hat unter anderem gravierende Auswirkungen auf persönliche Entscheidungen sowie auf Politik und Wirtschaft.

Was ist das Besondere am neuen Buch?

In meinen bisherigen Romanen BLACKOUT, ZERO und HELIX habe ich Herausforderungen aufgezeigt, vor denen unsere moderne Gesellschaft steht – die zunehmende Vernetzung und Abhängigkeit von der Digitalisierung in BLACKOUT, der Umgang mit Daten in ZERO, Gentechnologie in HELIX. Diese Bücher wurden deshalb auch oft als Dystopien gelesen.

In Gier gehe ich einen Schritt weiter: Ich dramatisiere nicht nur eine Herausforderung – wachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit, zunehmende gesellschaftliche Spaltung und Konflikte – sondern präsentiere auch eine innovative und spektakuläre wissenschaftliche Lösung. Und obwohl es ein Thriller ist, kann man „Gier“ daher durchaus als Utopie lesen.

Nach eher technologie- und naturwissenschaftlich orientierten Romanen wenden Sie sich in „Gier“ gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Themen zu – woher der Sinneswandel?

Auch in meinen bisherigen Büchern ging es vor allem um gesellschaftliche Fragen: Wie gehen wir mit Vernetzung, Datensammeln oder Gentechnik um? Die Basis bildeten immer wissenschaftliche Fakten, und ja – meist eher naturwissenschaftliche. So ist das auch in Gier. Die Konzepte der Londoner Wissenschaftler, die im Buch eine wichtige Rolle spielen, kommen aus der Physik und der Mathematik, also aus den Naturwissenschaften. Sie haben nur eben auch fundamentale Auswirkungen in anderen Bereichen, eben etwa auf persönliches Entscheiden, auf politische und wirtschaftliche Konzepte, aber zum Beispiel auch auf Soziologie, Psychologie und Biologie.

Geht es dabei also um eine neue Technologie?

Nein. Seit Jahrzehnten erwartet man sich immer von neuen Technologien die Rettung der Menschheit. Das Internet sollte alles demokratischer machen, dann trendete die Blockchain, und was verspricht man sich jetzt nicht alles von Künstlicher Intelligenz oder Quantencomputern? Aber vielleicht ist das nächste „große Ding“ gar keine Technologie. Sondern eine gesellschaftliche Innovation, eine neue Idee davon, wie wir miteinander leben. Eine Idee allerdings, die mathematisch beweisbar ist. So wie Eins und Eins Zwei ergeben.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen?

Es war wie seinerzeit bei BLACKOUT. Eigentlich wollte ich eine andere Geschichte schreiben, bin aber bei den Recherchen dazu auf etwas viel Faszinierenderes gestoßen – eben auf diese wissenschaftlichen Arbeiten, die eine ganz neue Welt eröffnen. Und mir war sofort klar, dass sie zu Themen passten, die mich schon lang beschäftigten.

Ihr Roman ist wieder sehr nah an der Realität. Wie sind Sie bei den Recherchen vorgegangen?

Wie gesagt hatten mich die Themen schon sehr lange beschäftigt. Für das Buch habe ich mich dann noch extra in psychologische, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Fragen vertieft. Außerdem habe ich mich sehr intensiv mit den Wissenschaftlern am London Mathematical Laboratory ausgetauscht, deren Arbeiten eine wichtige Rolle in dem Roman spielen. Denn um die zu verstehen, hat man besser ein paar Jahre Physik oder Mathematik studiert. Meine Mathekenntnisse enden aber bei dem Abitur und selbst davon habe ich inzwischen den Großteil vergessen. Das war aber auch ein Vorteil. Um die Konzepte für uns alle ganz einfach verständlich zu machen – zuallererst einmal für mich selber – bin ich mehrmals nach London geflogen und habe dort tagelang mit ihnen gesprochen.

Wie viel Expertentum ist als Leser notwendig?

Für meine Bücher sollte man lesen können. Mehr Expertentum ist nicht nötig. Obwohl, es gibt sie sogar als Hörbücher … In meinen Romanen lege ich ja immer Wert darauf, Dinge so zu erklären, dass man sie auch ohne große Vorkenntnisse versteht.

Was hat Sie bei den Recherchen am meisten erstaunt?

Vielleicht der Umstand, welche gewaltigen Auswirkungen eine scheinbar unwesentlich andere Herangehensweise an ein Thema haben kann.

Sie haben in Ihren Thriller Personal mit hohem Identifikationspotenzial. Wie gehen Sie dabei vor, mit welchen Figuren sympathisieren Sie besonders?

Die Leserinnen und Leser sollen sich ja in den Büchern wiederfinden und eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben herstellen können. Gleichzeitig geht es mir immer darum, verschiedene Perspektiven auf ein Thema zu beleuchten. Dazu führe ich Charaktere mit verschiedenen persönlichen Hintergründen und Ansichten ein. So wie im ganz normalen Leben, wo man dann am Familientisch oder in der Freundesrunde auch mal sehr kontrovers diskutiert. Ich mag die meisten meiner Figuren auf ihre Art, sogar jene, die von der Mehrzahl der Leserinnen und Leser wohl als „die Bösen“ wahrgenommen werden. Denn im Allgemeinen gebe ich auch diesen Schwächen mit, die sie menschlich machen und ganz bewusst oft auch Ansichten und Haltungen, die viele Leserinnen und Leser dann doch teilen. Das macht sowohl die Figuren ambivalenter als auch den inneren Konflikt für die LeserInnen und Leser größer – und damit die Geschichte spannender.

Wie stehen Sie zum Thema GIER?

Gier ist ein sehr vager und vielfältiger Begriff. Habgier ist eine der Todsünden. Machtgier ist auch nicht besser. Neugier und Wissbegier dagegen können uns alle weiterbringen.

Möchten Sie mit Ihren Büchern die Welt verändern?

Mit Büchern verändert man immer die Welt, und sei es nur die Gedankenwelt der Leserinnen und Leser für die Zeit, die sie in ein Buch abtauchen.

Ab dem 25. Februar 2019: Gier – Wie weit würdest du gehen?, ISBN 978-3-7645-0632-2, Blanvalet Verlag