Der Lawinen-Papst von Livigno

Deep Powder! Der schwerelose Tanz durch den weißen Puder ist für viele Skifahrer das höchste der Gefühle. Aber manchmal auch lebensgefährlich. Das Tiefschneemekka Livigno geht mit dem „Livigno Freeride Project“ neue Wege. Lawinenexperte Fabiano Monti und seine Kollegen setzen auf Aufklärung statt auf Verbote – und auf Miteinander satt Gegeneinander im tiefen Schnee.

Lawinenforschung ist Wissenschaft ©LivignoAlpsolut

„Ich liebe den Schnee. Und ich liebe das Skifahren abseits der Piste. Aber ich hasse Lawinen.“ Wer wie Fabiano Monti jede freie Minute mit seinen breiten Latten durch den Tiefschnee pflügt, muss mit dieser Hassliebe (über)leben lernen. Also begann der damals 24-Jährige, sich wissenschaftlich mit dem Thema Lawine zu beschäftigen. Erst daheim an der Uni in Como, später am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, dem weltweiten Epizentrum in puncto „weiße Gefahr“. Heute ist Fabiano Monti 37 – und gilt in Fachkreisen als einer der namhaftesten Lawinenexperten der Alpen. Und seit sechs Jahren lebt er in einem der besten Tiefschneereviere der Alpen: in Livigno. Das liegt auf 1800 Metern Seehöhe, im schneereichen Sandwich zwischen Ortler im Osten und Bernina im Westen. Dank seiner weltabgeschiedenen Lage ist das Zollfrei-Dorf Livigno das Shoppingparadies aller Rolex- und Gucci-Freunde. Und dank seiner zwei Dutzend Dreitausender ringsherum das Nirvana aller Deep-Powder-Amigos. Fabiano Monti lebt und arbeitet also hier in Livigno. Und jeden Sonntagabend sitzt er in der Dorfbrauerei.

Livigno Freeride Project, oder: bestens aufgeklärt ins abseitige Abenteuer
  1. Das ist nicht etwa das Gründungsjahr der Dorfbrauerei von Livigno, sondern ihre Seehöhe in Metern. Und ihr Name. Was die höchstgelegene Brauerei der Alpen mit Tiefschnee zu tun hat? Ganz einfach: Jeden Sonntagabend trifft sich Fabiano mit seinen Bergführer- und Skiguidekollegen hier, um die aktuelle Lawinensituation zu besprechen. Ob Pistenfuchs, der mal Powder schnuppern möchte oder Profi-Freerider, der regelmäßig die Riesenhänge rund um die beiden Skigebiete „Mottolino“ und „Carosello“ absurfen will – eingeladen sind alle Skifahrer, Snowboarder, Tourengeher und Schneeschuhwanderer, die es rein in den tiefen Schnee zieht. „Wir möchten jeden, der nach Livigno kommt, mit den bestmöglichen Infos versorgen“, sagt Lawinenexperte Monti. Andernorts in den Alpen fühlen sich auswärtige Tiefschneetaucher oftmals von den Locals im Stich gelassen, müssen selbständig regionale Lawinenlage- und Wetterbericht übersetzen, um die aktuell sichersten Abfahrten zu erkennen. Ohne Ortskenntnis heißt das oftmals: zu erraten. Nicht so beim „Livigno Freeride Project“: Das von Fabiano Monti und den einheimischen Bergführern initiierte Konzept setzt auf Aufklärung statt Verbote. Ihr Motto: Alle Infos für alle, statt geheimes Expertenwissen der Locals. Denn das mindert das Risiko im Tiefschnee.
Mein erster Skidreitausender: Nirgendwo stehen die Chancen besser als hier

„Wir Locals kennen unsere Berge am besten. Wir geben Tipps, was die Leute besser tun und lassen sollen, warnen vor kritischen Hangexpositionen und sperren bei zu großer Lawinengefahr auch schon mal den freien Skiraum außerhalb der Pisten“, sagt Fabiano. Hier in Livigno ziehen alle an einem Strang: von den Behörden über die Liftgesellschaften bis zu den Berg- und Skiführern. Die Safety-Infos bekommt man gebündelt jeden Sonntagabend in der Brauerei 1816, aber auch jeden Tag um 16 Uhr im Outdoor Center in Livigno Downtown. Dort beantwortet dann immer ein einheimischer Bergführer alle Fachfragen. „Unser offener Ansatz kommt bei Freeridern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr gut an“, sagt Monti. Nimm zwei: in Livigno haben Wintersportler die Wahl aus zwei Skigebieten: Mottolino im Osten des fjordartigen Tals und Carosello 3000 im Westen. Von den Gipfelstationen, die beide auf über 2700 Meter Höhe liegen, eröffnen sich schier unendliche Möglichkeiten für Tiefschneeabfahrten. Komplette Sicherheitsausrüstung mit Pieps, Sonde und Schaufel sind natürlich ein Muss. Einsteiger buchen am besten einen einheimischen Skiguide oder Bergführer. Wer will, kann es hier oben im wahrsten Wortsinn auf die Spitze treiben. „Rund um Livigno gibt es etwa 20 Dreitausender, die man wunderbar mit Ski und Steigfellen besteigen kann“, weiß Fabiano. Welche das sind? Das verrät er sicher sonntagabends in der Dorfbrauerei von Livigno.