Der ehemalige Todesstreifen ist heute Lebenslinie und Nationales Naturmonument

Am 3. Oktober 2019 startet Deutschland in das 30. Jahr seiner Wiedervereinigung. Wo zuvor Grenzanlagen die Menschen trennten, verbindet heute ein breiter Grünstreifen Ost und West. Dieser 50 bis 200 Meter breite Grenzstreifen entstand in der Zeit der Teilung Deutschlands. 28 Jahre lang blieb der Streifen fast unberührt, es entwickelte sich ein neuer Lebensraum mit seltenen Pflanzen und Tieren. Ein Schatz, der nach der Wiedervereinigung zum sogenannten Grünen Band wurde. Auf 763 Kilometern zieht sich das Grüne Band auch durch Thüringen und den Thüringer Wald. Hier können Besucher die deutsch-deutsche Geschichte nachvollziehen, die Natur beobachten und vielfältige Wanderungen unternehmen.

Ehemaliger Grenzturm am Grünen-Band bei Probstzella ©Sven Lemnitzer

Thüringen als Vorreiter in Sachen ökologische Schutzzone am Grünen Band

Naturschützer aus Thüringen und dem angrenzenden Franken waren es, die gleich nach dem Fall der Mauer im November 1989 erkannten, dass die Grenzanlagen zwar abgebaut, die Natur aber geschützt werden muss. Über die Jahre hatten sich hier beispielsweise die sonst sehr selten gewordenen Vogelarten Braunkelchen, Raubwürger oder Neuntöter angesiedelt. Bereits am 9. Dezember 1989 beschloss der Bund Naturschutz bei seinem ersten deutsch-deutschen Treffen in Hof eine Resolution zum Schutz und zur Entwicklung des Grenzstreifens, die bis heute Bestand hat. Der Name „Grünes Band“ war geboren. Auf insgesamt 1.393 Kilometern zieht es sich heute als ökologische Schutzzone durch Deutschland, von Travemünde an der Ostsee bis an die Grenze zu Tschechien bei Hof. Mit 763 Kilometern hat Thüringen den größten Anteil daran. Als erste deutsche Landesregierung hat Thüringen Ende 2018 seinen Anteil des Grünen Bandes als Nationales Naturmonument ausgewiesen. Die Stiftung Naturschutz Thüringen übernahm die Trägerschaft. Damit hat sie die Aufgabe diesen einzigartigen Biotopverbund langfristig zu erhalten, zu entwickeln und über dieses einzigartige Denkmal der deutschen Teilung und Wiedervereinigung zu informieren.
Weitere Informationen: www.grünes-band-monumental.de und www.stiftung-naturschutz-thueringen.de

Eine Schatzkammer der Artenvielfalt

Heute ist das Grüne Band eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung, ein lebendiges Denkmal der Geschichte und eine Schatzkammer der Artenvielfalt. Über 1.200 Arten der Roten Liste Deutschlands finden sich hier. Einige davon kann man auf verschiedenen Wanderungen am Grünen Band erleben:

Unterwegs mit der Kräutersine – Kräuter sammeln auf dem alten Grenzstreifen

Die zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin Gesine Müller wird allerorten nur Kräutersine genannt. In und um Mödlareuth im ehemaligen Sperrgebiet geht sie mit ihren Gästen auf Wanderungen, bei denen die Teilnehmenden lernen, welches Kraut gesund ist und auch gut schmeckt. Gemeinsam wird gesammelt, bestimmt und anschließend geschlemmt. Auf alten Schmugglerpfaden, auf dem Grenz- und Kolonnenweg erklärt die Kräutersine, was hier wächst und was man damit machen kann. Tees zum Beispiel, oder Salat, Rouladen oder Seifen und Salben. Das winzige Örtchen Mödlareuth im Dreiländereck Thüringen-Bayern-Sachsen hat es übrigens zu einiger Bekanntheit gebracht, denn hier führte die innerdeutsche Grenze wirklich mitten durch das Dorf. Heute gibt es ein Museum für deutsch-deutsche Geschichte, das man sich vor der Wanderung ansehen kann.
Naturpark Schiefergebirge / Obere Saale:
www.thueringer-schiefergebirge-obere-saale.de
Deutsch-deutsches Museum Mödlareuth: http://moedlareuth.de/

Der Schieferpfad am Grünen Band – auf den Spuren des „Blauen Goldes“

Bis 2009 wurde im Thüringer Wald Schiefer abgebaut. „Blaues Gold“ nannten die Einwohner das typische Gestein, das in diesem Jahr unter Federführung des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler (BDG) zum Gestein des Jahres gekürt wurde. Mit der Schließung der letzten Schiefergrube ging eine jahrhundertealte Bergbautradition zu Ende – aber nicht verloren. Denn heute führt der sogenannte Schieferpfad durch den Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale. Unterwegs kommt man unter anderem an ehemaligen Abbaugebieten vorbei, die eine ganz eigene Kulturlandschaft erzeugt haben: berghohe Schieferhalden, die heute mit Bäumen und Moos bewachsen sind, und kleine Seen, die in ehemaligen Tagebaulöchern entstanden sind. Hinzu kommt eine beeindruckende Tierwelt, verschiedene Museen zur deutschen Geschichte und zum Schieferbergbau, zahlreiche Infotafeln zur Geologie und technische Denkmäler, wie etwa der „Historische Schieferbergbau Lehesten“ im Geopark Schieferland. Der Schieferpfad startet in Probstzella am Grünen Band, wo man im DDR-Grenzbahnhof-Museum alles über die Aus- und Einreisemodalitäten und die vielen Fluchtversuche aus der DDR erfahren kann. Wer den insgesamt 56 Kilometer langen Schieferpfad komplett abgehen möchte, braucht dafür drei bis vier Tage. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in den Orten am Weg, in Lehesten, Probstzella, Gräfenthal und in Ludwigstadt.
Technisches Denkmal „Historischer Schieferbergbau Lehesten“:
www.schiefer-denkmal-lehesten.de
Museum Grenzbahnhof Probstzella:
www.grenzbahnhof-museum.de

Der Saalepfad – wo aus Grünem Band ein blaues Band wird

Zwischen Blankenstein und Hirschberg ist das Grüne Band eher blau. Denn hier bildet die Saale die natürliche Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Entlang des Flusses führt der sogenannte Saalepfad durch das malerische Saaletal. Auf der thüringischen Seite wandert man bis Hirschberg und auf der fränkischen Seite geht es zurück. Im Gegensatz zu früher gibt es heute sieben Brücken über die Saale, so dass man den eigentlich knapp 35 Kilometer langen Weg problemlos abkürzen kann. Auch auf diesem Wanderweg kommt man an Bergbaurelikten, Aussichtspunkten, einer artesischen Quelle und einem Wildgatter mit Rot- und Damwild vorbei.
Infos zum Saalepfad:
www.frankenwald-tourismus.de/de/draussen/natur/gruenes-band

Geführte „Grenzwanderungen“ auf dem Grünen Band

Naturführer Marco Till begleitet seine Gäste am 12. Oktober 2019 auf der „Grenzwanderung“ von Bad Steben nach Blankenstein. Unterwegs erzählt Till vom ehemaligen Grenzaufbau, den Grenzfluchten und den Schleifungen. Am 20. Oktober 2019 geht es mit Naturführerin Roswitha Leber in das „Geheimnisvolle Waldland zwischen Rennsteig und Grünem Band“.
Naturpark Schiefergebirge / Obere Saale:
www.thueringer-schiefergebirge-obere-saale.de