Das Skifahren war des Müllers Lust – schon vor 125 Jahren

Frau Holle hat im Winter am Arlberg einen echten Narren gefressen. Das kleinste Dorf ist dabei das größte Schneeloch von allen. In Warth-Schröcken rieseln im Winter durchschnittlich rund elf Meter Schnee vom Himmel. Beste Voraussetzungen also für unendliche Variantenabfahrten im Powder. Oder für eine Freeride-Skitour wie vor 125 Jahren. Auf den Spuren eines Skipioniers, der mit dem Segen von ganz oben unterwegs war.

Warth-Schroecken ©Sebastian Stiphout

„Ich wartete des Abends, um nicht gesehen und ausgelacht zu werden, bis es dunkel wurde und alle Lichter im Dorfe gelöscht waren. Auch meine Schwester, die Haushälterin, war schlafen gegangen. Ich schnallte meine „Schwedischen“ an meine Schuhe, nahm einen langen Stock und versuchte im großen Neuschnee des Pfarrwidums mein Glück. Doch – da lag ich schon mit den Skiern quer auf und mit dem Kopf im Schnee. Und so immer wieder bis Mitternacht.“ Mit diesen Worten beschrieb Johann Müller, seines Zeichens Pfarrer von Warth, seinen ersten Skiversuch im Winter 1894.

Damals wie heute war das beschauliche Vorarlberger Bergdorf mit meterhohen Schneemassen förmlich „gesegnet“. Aber anders als heute war Warth vor 125 Jahren manchmal wochenlang nicht über die Straße erreichbar. Was also tun? Teetrinken und Zeitung lesen! Dabei stolperte Hochwürden in einer Zeitschrift namens „Deutscher Hausschatz“ über ein kleines Bildchen, das lange Holzbretter mit Lederriemen zeigte, mit deren Hilfe sich die Skandinavier schier schwerelos im Schnee bewegen konnten. Diese Bretter wären für den Tannberg auch sehr praktisch, dachte Pfarrer Müller und bestellte sich kurzerhand ein Paar. Nicht im Internet, sondern per Postanweisung und Vorauskasse.

Johann Müller: ein katholischer Pfarrer als Vater des Skifahrens am Arlberg

Schon zwei Wochen später brachte der Briefbote ein merkwürdiges Riesenpaket, nichtsahnend, was Pfarrer Müller aus dem fernen Schweden bestellt hatte. „Damals hatte ja noch kein Mensch auf Tannbergs Höhen und nur wenig im ganzen Ländle vom Ski gehört, oder gar einen solchen gesehen“, berichtete Hochwürden später. Nun war der Dorfpfarrer also stolzer Besitzer nagelneuer Ski „Made in Sweden“. Aber er hatte keinen blassen Schimmer, wie man damit fahren, geschweige denn abfahren sollte. Also: try and error by night! Aber schon nach seinem zweiten Nachtslalom im Pfarrhof wagte sich der unerschrockene Gottesmann am übernächsten Morgen, „noch bevor die Dorfbewohner das erste Lichtlein anzündeten“, hinüber nach Lech. Weder grundloser Schnee noch Stürze konnten ihn stoppen. Nach eineinhalb Stunden kam Pfarrer Müller im Nachbardorf an. Nur nicht mehr zurück. Die Lawinengefahr war einfach zu groß. Also machte er einen Tag in Lech blau und fuhr erst am übernächsten Tag zurück nach Warth. Die Begeisterung war groß, als Hochwürden wohlbehalten wieder in Warth einschwebte. Vor allen bei den Warther Schulbuben, die sich fortan aus Fassdauben einfache Ski herstellten. Und Pfarrer Müller? Der fuhr mit seinen „Schwedischen“ dann auch hinüber nach Hochkrumbach und Schröcken. „Am liebsten fuhr ich nach Lech.“ Und damit legte er den Grundstein für eine Route, die heute noch viele Tiefschneebegeisterte fasziniert.

Auf den Spuren von Pfarrer Müller von Warth-Schröcken nach Lech

Nach Lech fährt man 125 Jahre nach der ersten dokumentierten Skisafari am Arlberg heutzutage bequem und lawinensicher auf feinsten Pisten. Oder auf Hochwürdens Spuren durch den Tiefschnee. Die „Pfarrer-Müller-Tour“ führt auf historischen Routen abseits des Pistentrubels von Warth nach Lech und wieder zurück bis nach Schröcken oder nach Warth. Dabei kommen geübte Tiefschneefahrer und Freerider an der einst höchstgelegenen Walsersiedlung Vorarlbergs, dem Bergdörfchen Bürstegg, vorbei. Diese einmalige Tiefschneetour wird von einheimischen Guides je nach Verhältnissen von Dezember bis April angeboten. Der fast schon göttliche Spaß kostet 79 Euro pro Person. Wem also die über 305 Skiabfahrtskilometer Pisten in Österreichs größtem zusammenhängenden Skigebiet nicht reichen, der sollte zum Tiefschneetauchen nach Warth-Schröcken pilgern. Denn Dorfpfarrer Müllers Vorarlberger Schneeloch hat wahrscheinlich auch noch in 125 Jahren den allerbesten Draht zu Frau Holle.